Mittler zwischen den Welten: Visualisierung in der Friedensarbeit

Mirko Hoff, Interpeace Abidjan

Seit Mai 2013 arbeitet Mirko Hoff im Westafrika-Regionalbüro von Interpeace in Abidjan, einer der am dichtesten bevölkerte Städte Westafrikas. Abidjan gilt nach zehn Jahren Bürgerkrieg als Industriezentrum der Cote d‛Ivoire. Zu Mirkos Aufgaben gehört es, Teams und Initiativen zu unterstützen, die sich in der Region für den Friedensaufbau einsetzen. Seit geraumer Zeit hat er für seine Arbeit die Visualisierungstechniken von bikablo® entdeckt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie Sketchnoting & Co. ihm bei seiner oft komplizierten Arbeit helfen.


bikablo®: Mirko, worin besteht deine Arbeit im Westafrika-Regionalbüro bei Interpeace?

Mirko Hoff: Interpeace unterstützt lokale und nationale Maßnahmen zum Friedensaufbau und die Kooperation verschiedener Partner in der Region. Neben dem Büro in Abidjan, wo ich lebe, gibt es in Westafrika Kooperationen in Mali, Guinea-Bissau und Nigeria. Wir arbeiten hier mit verschiedenen Teams und Initiativen zusammen, die an diversen Brennpunkten im Land die Friedensbildung fördern und lokale Konflikte entschärfen.

Du verstehst dich als „Learning and Policy Officer“. Das klingt sehr abstrakt. Was bedeutet das genau?

Ich begleiten den Erfahrungsaustausch in der Region, unterstütze die Programmentwicklung im Team und evaluiere und dokumentiere die Wirkung, die verschiedene Maßnahmen erzielen. Wir versuchen als Organisation, regionale und lokale Problemstellungen auf eine internationale politische Ebene zu transportieren und die notwendige Aufmerksamkeit zu erreichen, um bei EU und UNO Unterstützung für eine angepasste Friedenspolitik und Finanzierungsprioritäten zu erhalten.

Du nutzt seit einiger Zeit die Visualisierungstechnik für deine Arbeit. Wie ist es dazu gekommen?

Ich war schon in Deutschland als Trainer aktiv und habe über eine Kollegin den Tipp bekommen, meine Trainings einmal visueller zu gestalten. Sie hatte damit gute Erfahrungen gemacht. So habe ich ein wenig recherchiert und bin über die Neuland-Website auf das UZMO-Buch gestoßen. Das war eine didaktisch sehr wertvolle Informationsquelle und damit habe ich mir im ersten Schritt die Basics selbst beigebracht. Die Rückmeldung in meinem Arbeitsumfeld war so positiv, dass ich nach eineinhalb Jahren des Experimentierens ein bikablo-Training gemacht habe.

Wie nutzt du Visualisierung für deine Arbeit?

Eigentlich auf ganz unterschiedliche Weise. Einmal nutzen wir das zur Reflexion unserer Arbeit und unserer Strategien. Bei unseren regelmäßigen Teamgesprächen stehen jetzt immer ein Flipchart und ein Moderationskoffer bereit, und wir entwickeln durch die begleitende Visualisierung mittlerweile jedes Mal ein viel klareres gemeinsames Verständnis von unseren Problemstellungen und Ergebnissen. Aber auch, wenn wir in die politische Ebene hineinwirken, hilft uns die Visualisierung.


visualisierung und interkultureller austausch - EXECUTIVE SUMMARY interpeace 2016
Visualisierungsbeispiel: In der EXECUTIVE SUMMARY 2016 von Interpeace wird mithilfe der Visualisierungstechnik vermittelt, welche Erkenntnisse bei der Arbeit mit gewaltbereiten Jugendlichen erlangt wurden.


Wie muss ich mir das vorstellen?

Unsere Arbeit berührt ja eigentlich fast immer sehr spezifische nationale Perspektiven. Es ist oft nicht ganz leicht, das auf der internationalen Bühne verständlich zu kommunizieren. Von der Realität der Geldgeber ist das meist meilenweit entfernt. Darum haben wir es uns angewöhnt, unsere Schlüsselbotschaften in visuelle Sprache umzusetzen. Wenn wir mit Geldgebern oder Politikern sprechen, liegt mittlerweile oft eine Skizze auf dem Tisch, die unser zentrales Problemverständnis und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Um diese Skizze dreht sich dann bei den Gesprächen tatsächlich fast alles. Für uns ist es damit viel leichter geworden, Programme zu initiieren, die sinnvoll ausgerichtet werden – und dann auch verstärkt Wirkung zeigen können.

Warum transportieren Skizzen eure Inhalte besser?

Unsere Arbeit ist sehr vielschichtig. Wenn wir über soziale Konzepte sprechen, wird es schnell akademisch und abstrakt. Durch die Visualisierung gelingt es uns, sehr anschaulich zu kommunizieren, worum es geht. Wenn man die Probleme klar und eindeutig benennt, fällt es auch leichter mit Gesprächspartnern darüber zu diskutieren und nachhaltigere Projektformate zu installieren.

Wie laufen solche Projekte dann ab?

Ganz verschieden. Wir haben zum Beispiel ein lokales Pilotprojekt in Abobo, einem der ärmsten Stadtviertel in Abidjan initiiert. Da ging es um organisierte Jugendkriminalität – also Jugendbanden, die die Anwohner ausgeraubt haben. Da die Sicherheitsbehörden relativ machtlos waren, kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit teils tödlichem Ausgang, weil die Bürger Selbsthilfegruppen gebildet hatten. Insgesamt schien das Problem unlösbar, weil keiner mehr die Realität des anderen verstanden hat. Es gab praktisch keine Kommunikation zwischen den Parteien. Wir konnten das in einem mehrmonatigen Dialogprozess entspannen. Nachdem es unseren lokalen Projektpartnern gelungen war, das Vertrauen der Jugendliche zu gewinnen, haben wir über Videobotschaften einen „interaktiven“ Dialog hergestellt. Die Meinungen bei solchen Dialogprozessen sind ja teils sehr gegensätzlich und so konnte immerhin über das Medium Film ein Austausch entstehen, der dazu geführt hat, dass sich die Hälfte der Jugendlichen in diesem Projekt von ihrem Hang zur Gewalt distanziert haben.


visualisierung in der friedensarbeit westafrika

Beispiel: Jugendliche fühlen sich von ihrer Familie, Schulen und der Gemeinschaft alleine gelassen. Es fehlen Orientierung und Leitbilder.


visualisierung in der friedensarbeit westafrika

Religion kann in der Orientierungslosigkeit Halt bieten und sich positiv, in manchen Fällen aber auch negativ auswirken, wenn Lehrende ihre Stellung missbrauchen.


visualisierung in der friedensarbeit westafrika

Mögliches Resultat: Am Ende eines solchen Entwicklungsprozesses kann die Professionalisierung des Gewaltpotenzials stehen, das dann über Landesgrenzen hinaus wirkt.


Nutzt ihr in solchen Dialogprozessen auch die Visualisierung?

Ja, wobei wir leider nicht genügend Dialogmoderatoren haben, die die Technik beherrschen und wir deshalb die Visualisierung noch nicht wirklich systematisch einsetzen können. Bei einem Projekt zum Thema Frieden in Mali haben wir versucht, die Ergebnisse einer Befragung der Bevölkerung auf diese Weise zu dokumentieren. Dabei kam heraus, dass die Menschen als größte Herausforderung für den Frieden den Wertewandel und das mangelnde Vertrauen der Bürger in ihre Sicherheitskräfte sahen.

Warum würde es euch helfen, wenn mehr eurer Moderatoren das Visualisieren erlernen?

Eine unserer wichtigsten Voraussetzungen als Facilitators in der Friedensarbeit ist unsere Neutralität – und Glaubwürdigkeit. Wenn wir Dialogprozesse begleiten und auswerten, geht es schließlich auch darum, die Ergebnisse an Kollegen weiterzugeben. Wenn wir das mit einer Workspace-Gruppe zwischen 20 und 200 Personen machen, müssen wir sichergehen, dass wir Probleme richtig erfasst haben. Solche Workspace-Präsentationen werden bei uns jetzt immer visuell unterstützt und das hat unsere Art und Weise, wie wir Problemstellungen wiedergeben stark verändert. Und auch bei der Arbeit mit Diskussionsgruppen vor Ort können wir durch visuelle Notizen besser auf die Perspektive der Betroffenen eingehen – und Rückfragen formulieren oder Probleme konkretisieren. In einer Diskussionsgruppe, in der visuell gearbeitet wird, fühlen sich Teilnehmer in der Regel durch uns viel wertgeschätzter. Für uns ist das wichtig, weil wir durch die parallel stattfindenden visuellen Notizen Transparenz und Glaubwürdigkeit unserer Arbeit stärken. Darum wäre es natürlich gut, wenn noch mehr Kollegen diese Technik nutzen könnten.


visualisierung in der friedensarbeit westafrika

Ein Teilnehmer begutachtet das Ergebnis einer Workspace-Präsentation. © M. Hoff, Abidjan


Wo ist das Problem?

Leider gibt es wegen der Sprachbarriere hier momentan nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, die Kollegen an die Visualisierung heranzuführen. Ein bikablo-Training auf Französisch wäre ein erster Schritt – und natürlich Trainer, die die Sprache beherrschen, um Leute hier auszubilden. Die Nachfrage wäre da und die Rückmeldung auf unsere „Visualisierungsarbeit“ ist ausgesprochen positiv.

Was wünschst du dir für deine Arbeit bei Interpeace?

In meiner Idealvorstellung können wir den Menschen vermitteln, offenen Dialogen stärker zu wertschätzen und ihn selbst aktiv zu betreiben, damit kleine und größere Konflikte durch Dialog und nicht durch Gewalt gelöst werden.

Mirko, vielen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg für eure Arbeit in Abidjan!


Das Interview führte Andrea Härtlein per Skype für bikablo®


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